GedankenBilder Edith Tries

Gerti Kurth:
Du hast einfach den Blick dafür, liebe Edith,
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Gerti Kurth:
Ja, liebe Edith, da hast du wirklich Glück ge
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elfi s.:
Wieder so ein schöner Sonnenuntergang. Auch d
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elfi s.:
Ein gelungenes Foto, welches den Frühling ank
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Anette:
Ein Zeichen, dass der Frühling kommt.Tolles B
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Zitante Christa:
So ein Zufall !!Da öffne ich Deinen Beitrag,
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Gudrun:
Schön! Nun kann der Frühling kommen! Danke fü
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elfi s.:
Obwohl Hochwasser ja auch zu den Dingen zählt
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elfi s.:
Oh, das sieht wirklich schlimm aus. Zum Glück
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elfi s.:
Aber hallo, das sind phantastische Sonnenunte
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Ausgewählter Beitrag

In die Zukunft blicken?



Mein Gedachtes und Geschriebenes im vorigen Beitrag hat sie unter anderem mit folgenden Worten kommentiert:


> 13 Jahre ist es jetzt her, daß wir uns kennen. Ob es damals besser gewesen wäre, wenn wir gewußt hätten, daß wir das schaffen? <


Diese Frage von Zitante Christa hat mich tatsächlich ans Grübeln gebracht, denn die Frage bezieht sich nicht darauf, ob wir mit einer so lang anhaltenden Freundschaft gerechnet haben.
 
Nein, sie bezieht sich auf etwas ganz anderes!

Doch dazu muss ich etwas berichten, was auch in den ganz persönlichen Bereich von Christa reicht - ich habe mir also erst einmal ihre Zustimmung eingeholt lachen.gif


Hier kommt der Versuch einer Antwort aus meiner Sicht:


Wir kennen  uns also seit ziemlich genau 13 Jahren.

Unsere erste Begegnung verlief unter unerfreulichen Umständen - wir trafen uns in der Sitzecke der gynaekologischen Station eines Duisburger Krankenhauses.


Unser beider Leben wurde kurz zuvor durch die Diagnose Brustkrebs aus den Angeln gehoben.

Da wir unsere Chemo-Therapien immer zur gleichen Zeit bekamen, sahen wir uns in der Folge über mehrere Monate regelmäßig dort im Krankenhaus wieder.

Insgesamt waren wir 4 Patientinnen, die sich immer wieder zur Chemo zusammen fanden.
Wir hingen von morgens früh bis gegen Abend an unseren Infusionen, teilten unser Leid, unsere Sorgen und Zukunftsängste.

Die Auswirkungen der Chemo-Therapien waren unterschiedlich stark. Gelitten haben wir alle darunter.

Es gab am Anfang teilweise Pessimismus, teilweise fast irrationalen Optimismus, was den Verlauf der Krankheit / Genesung und die Zukunftsaussichten anging.


Im Laufe der monatelangen Therapien tauchten hin und wieder Fragen auf, die wir mal lebhaft, mal eher erschöpft besprachen:

weiter machen und auf der bestmöglich sicheren Seite sein -
oder abbrechen und abwarten, was passiert?

Lohnt es sich, diese Strapazen zu erleiden / durchzuhalten?
Werden wir diese Erkrankung überleben?


Und  genau das ist die Frage, die Christa meint:


Wäre es damals besser, leichter für uns gewesen, wenn wir gewusst hätten, dass wir es schaffen?!


Durchgehalten haben wir alle - auch wenn der Ausgang unserer Krebserkrankung im Ungewissen lag.

Wir alle haben nach langem Leidensweg festgestellt:










Doch hätte es mir geholfen zu wissen, dass ich überlebe?


Während der Chemos und auch während der langen Bestrahlungswochen, die mich sehr geschlaucht haben, fragte ich mich manchmal, ob mir das alles tatsächlich hilft oder meinen Körper zusätzlich schwächt?

Ich hatte also zwischendrin durchaus meine Zweifel, weil die Chemotherapie nicht nur die Krebszellen angreift, sondern den gesamten (gesunden) Körper.

Ich habe durchgehalten, weil ich auf der sicheren Seite sein wollte.
Hätte ich abgebrochen und es wären Metastasen aufgetaucht, hätte ich mir selber Vorwürfe gemacht - und das Rad nicht mehr zurückdrehen können.


Die Gewissheit zu haben, dass ich es schaffe, hätte mir damals das Durchhalten ganz bestimmt erleichtert.
Vermutlich (!) hätte ich die ganzen Nebenwirkungen gelassener hingenommen mit dem Wissen, dass ich mein Ziel erreiche.


Und jetzt schließen sich für mich weitere Fragen an:

auch wenn es manchmal hilfreich wäre, in die Zukunft blicken zu können - würde uns das beruhigen, zufriedenstellen, Wege ebnen, das Leben tatsächlich erleichtern?

Oder würden wir unser ganzes Handeln ändern und dadurch viele wesentliche Dinge am Wegesrand außer Acht lassen?
Würde unsere Entscheidungsfähigkeit leiden, weil wir gar nicht mehr großartig nachdenken würden?
Würden wir Dinge versäumen - Schönes wie Trauriges - weil unser Blick nur noch auf das gerichtet ist, was uns vorausgesagt wird?

Würden wir nur noch auf die Ereignisse der Zukunft starren, weil wir sie im Vorhinein wissen und erwarten?


Ich möchte nicht in die Zukunft blicken können, denn dann hätte ich das Gefühl, mein Leben und dessen Verlauf nicht mehr selber beeinflussen zu können.


Liebe Christa - du hast Dich gewundert, dass Deine einfache Frage zu einem Bericht führt.

Hier ist er und ich bin gespannt, ob es unterschiedliche Meinungen gibt zum



Blick in die Zukunft






Nachtrag vom 02.11.

Mit so vielen, ernsthaften Kommentaren habe ich - ehrlich gesagt - nicht gerechnet.
Ein einfaches: ja, das würde ich gerne / nein das möchte ich nicht ... -
darauf hatte ich gehofft.
Dass es von Euch so tiefgehende Gedanken hier in meinem Blog gibt, das beeindruckt mich sehr! 


Mein Vorhaben, möglichst alle Kommentare zu beantworten, hat mich dieses Mal ganz schön ans Arbeiten gebracht ;-)
Ernste Kommentare erfordern schließlich eine ernsthafte Antwort.
Und jeder Kommentar hat Anlass zu neuem Nachdenken gegeben.


So sind wir hier über Krankheit und "in die Zukunft blicken" im Sterbeprozess und beim Tod angekommen.
Das ist ein weites Feld und ein unerschöpfliches Thema.


Fragen, Gefühle, Ansichten - alles dies gehört dazu.
Der Austausch darüber würde vermutlich für ein Buch ausreichen :-)


Darum lasse ich dieses Posting noch ein, zwei Tage hier stehen, bevor etwas Neues kommt.
Vielleicht gibt es ja noch den ein oder anderen ergänzenden Kommentar dazu.


Schon jetzt möchte ich mich noch einmal ganz herzlich für Eure Beiträge bedanken.
Sie sind für mich - und vielleicht auch für die übrigen LeserInnen - eine Bereicherung :-)
 

Nickname 29.10.2010, 12.19

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Kommentare zu diesem Beitrag

10. von ANne

Hallo Edith, ich habe dich zufällig entdeckt - wiederentdeckt, denn wir kennen uns von den Seelenfarben-Treffen in 2005. 2006 in Dortmund sind wir uns auch begegnet, beim Treffen im Westfalenpark...
Nunja, dieses Thema mit der Diagnose habe ich auch hinter mir, ist am 12.12. 14 Jahre her. Es war bei mir verkapselt, von daher nicht gans soooo schlimm...
Schlimm finde ich, dass diese Diagnose überhaupt noch vorkommt und soviele Frauen ins Unglück stürzt...
Nun, die Frage geht um die Zukunft und ob ich in die Zukunft sehen will. Heute finde ich es furchtbar, dass alle nur noch - gefühlt - auf das Morgen und das Übermorgen starren und das Heute ausser 8 lassen. Das war eigentlich immer schon so: Die Kinder sollten es mal besser haben als ihre Eltern.
Es bedenkt scheinbar keiner mehr, dass es ohne dieses Heute - die Gegenwart - kein Morgen - die Zukunft - geben kann. "Morgen ist heute schon gestern" -sagt doch eigentlich sehr deutlich, was ich oben schrieb, und das ohne viele Worte.
Ich hätte nie mit dem Unfall von meinem Ex-Mann gerechnet, und war total erschrocken. Hätte ich es vielleicht vermeiden können, wenn ich mein Vorhaben, ihn anzurufen,durchgeführt hätte?! Das ist müßig, darüber nachzudenken. Die Zukunft macht mir in gewisser Weise Angst, aber sie fasziniert mich auch. Ich habe in den 14 Jahren seit meiner Diagnose viel erlebt, was ich ohne die Diagnose nie erlebt hätte. Ein Freund aus meiner damaligen Reha ist heute mit einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. DAS hätte ich mir nie erträumt, nie für möglich gehalten. Genauso manches andere nicht, aber - ich glaube - ich mache das mal zu einem Thema auch bei mir, und sage für heute gute Nacht, Freunde... es sit jetzt 23.03 Uhr lt. Uhr am Fernsehen... Machs gut, ANne :ok:

vom 07.12.2010, 23.07
Antwort von Nickname:

Hallo ANne,

ich weiß, wer Du bist und habe mit Interesse Deine Ausführungen zu diesem Thema gelesen :-)

Ich denke auch, dass ein schwerer Einschnitt im Leben die Sichtweisen verändert.

Das Leben im Hier und Jetzt finde ich auch ganz wichtig - Du beschreibst das sehr gut. Ohne Heute gäbe es kein Morgen.


Die Frage: was wäre, wenn ... stellt man sich bestimmt öfter mal - aber sie ist wirklich müßig, denn ändern können wir einmal Gemachtes im Normalfall nicht.

Und wenn man etwas anders gemacht hätte, wüsste man trotzdem nicht, ob es besser gewesen wäre.


Ich wünsche Dir auch alles Gute!



9. von Jörg

Auch wenn ich ziemlich spät mit meinen Gedanken komme ... loswerden muß ich sie. Das Thema interessiert mich ja auch sehr. ;-)
Was passierte denn, wenn wir in die Zukunft blicken könnten? Wir wüßten was auf uns zu kommt an schlechten wie auch an guten Dingen. Ja und dann, würden wir so weiterleben wie bisher? Wohl eher nicht, wir würden unser Verhalten an der Zukunft orientierend ändern, nicht mehr so weiterleben wie bisher. Und damit würden wir eine ganz andere Zukunft schaffen, als wir vor kurzem gesehen haben.
Wir müßten also wieder in die Zukunft gucken, um zu sehen wie sich die Sache denn nun mit unserem veränderten Verhalten entwickelt. Ja und dann, würden wir so weiterleben wie bisher? Wohl eher nicht ... ;)
Mir ist in dem Zusammnehang eine Geschichte von Stanislav Lem aus der Sammlung "Sterntagebücher um den Piloten Ijon Tichy" in den Sinn gekommen. In der siebenten Reise muß er einen Schaden an seiner Rakete reparieren, zu der aber zwei Menschen notwendig sind. Er ist jedoch allein. Durch eine Gravitationsunebenheit vervielfacht er sich in Raum und Zeit. Einer der dann irgendwann recht zahlreichen Tichys weiß also, was in der Zukunft passiert und versucht, es dem in der Verganenheit Lebenden zu verklickern, der das jedoch nicht recht glauben mag ...
Eine recht unterhaltsame und recht philosophische Geschichte.
Lem ist für mich sowieso einer der besten Science-Fiction-Autoren.
Aber ich bin vom Thema abgekommen. Es wird also gar nichts nützen, wenn wir nur einmal in die Zukunft blicken könnten. Wir müßten sie immer im Auge behalten und immer wieder unser Verhalten ändern.
(Und vielleicht sehen wir unwissend in unseren Träumen unsere Zukunft und richten uns danach?) ;)
Ein erquickliches Thema liebe Edith, für das eine Tasse Kaffee sicher nicht ausreichte. ;)
Liebe Grüße
Jörg

vom 26.11.2010, 23.06
Antwort von Nickname:

Ich freue mich auch über späte Gedanken, lieber Jörg :-)

Dein Gedanke, dass man eine Kettenreaktion auslöste, würde man in die Zukunft blicken können, fasziniert mich richtig.

Es stimmt ja: wenn man ein Mal in die Zukunft blicken kann, will man das wohl immer wieder. Und so wäre man ständig auf der Jagd danach, die vorhergesehene Zukunft zu leben - oder sie verändern zu wollen!

Dein Beispiel aus der SciFi - Literatur zeigt auf, welche Schwierigkeiten das mit sich bringen könnte.


Über dieses Thema kann man wahrscheinlich endlos diskutieren und philosophieren - es ist wohl unerschöpflich.


Liebe Grüße auch an Dich!


8. von O. Fee

Gerührt, respektvoll und mit Hochachtung habe ich die Zeilen über die Geschichte der Freundschaft zwischen Christa M. und Edith T. gelesen. Da kam mir wieder mal ein Lateinischer Spruch in den Sinn:
„Tu ne quaesieris scire nefas quem mihi quem tibi finem di diderint.“ (Horaz)
Du forsche dem nicht nach – es zu wissen uns verwehrt –, welches Ende mir, welches dir die Götter gegeben haben.


vom 04.11.2010, 22.35
Antwort von Nickname:

Für Ihre gefühlvollen Worte bedanke ich mich herzlich!

Horaz hat es wohl richtig erkannt:

wir werden niemals wissen, was uns die Zukunft bringt - und wir sollten auch nicht danach forschen.

Nur so, denke ich, erhalten wir uns unseren Seelenfrieden und können die Gegenwart wirklich leben - mit ihren positiven und negativen Gegebenheiten.


Danke sehr, O. Fee,  für diesen weisen Spruch!


7. von Anne

Das hat mich gerade zutiefst berührt...ich ahnte nicht (woher auch) dass ihr beide Krebspatientinnen seid. Meine Hochachtung für diese Offenheit, denn das ist nicht leicht darüber zu sprechen, zumal gerade EUERE Geschichte wohl immer noch ein Tabuthema ist.

Ich für meinen Teil möchte nicht wissen, was auf mich zukommt.Je nachdem was es ist (sofern es negativ ist), würde mir das jetzige Leben unerträglich werden lassen.
Aber vielleicht würde ich anders denken, wenn ich "Betroffene" wäre.



Alles Liebe

Anne

vom 04.11.2010, 16.42
Antwort von Nickname:

Liebe Anne,

seit vielen Jahren arbeite ich mit daran, offen und ohne Berührungsängste mit dem Thema Brustkrebs umzugehen. 

Ich halte Lesungen in Selbsthilfegruppen, in Krankenhäusern und auf entsprechenden Veranstaltungen.

Die durch meine Lesungen / Vorträge ausgelösten Diskussionen mit den Zuhörenden machen immer wieder deutlich, dass vor allem innerhalb des Familien- und Freundeskreises das Schweigen groß ist.

In dem mir bekannten Ausmaß hätte ich das nie für möglich gehalten!

Das "Drumherum-Reden" liegt m. E. mit daran, dass emotionale Nähe den Umgang mit einer lebensbedrohliche Erkrankung oftmals erschwert.


Ich freue mich immer wieder wenn ich durch Rückmeldungen erfahre, dass es gerade meine Texte schaffen, das Schweigen zu brechen und Gespräche in Gang zu bringen :-) 


Ich sollte auch sagen, dass ich einen großen Anlauf brauchte, um über meinen eigenen Schatten zu springen - um dann über alles, was eine Krebserkrankung begleitet, offen und vor Publikum sprechen zu können.


Eine Lesung ist für mich dann gelungen wenn es mir gelingt, die Zuhörenden einzubinden, sie zum Reden zu bringen, einen Austausch in Gang zu setzen und dann auch noch zu hören:


"Sie haben genau das gesagt und beschrieben, was ich empfinde - und was ich selber nicht ausdrücken kann!"


Mit Deiner Ansicht zur Zukunft unterstreichst Du genau das, was die Vor-Kommentare auch ausdrücken - danke :-)

 
6. von Zitante Christa

Liebe Edith,

die zu diesem Beitrag ausgewählte Kombination aus Bild und Text ist absolut treffend gewählt. Und was Deine Leserinnen zu Deinen Fragen und Gedanken schreiben und wie Du darauf reagiert hast spricht mir ebenfalls aus dem Herzen.

Auf die Frage ob es besser gewesen wäre, wenn wir einen Blick in die Zukunft hätten machen können hätte ich auf Anhieb mit »Ja!« geantwortet. Die Bedenken, daß wir uns dann vielleicht nicht mehr so angestrengt hätten sind allerdings gerechtfertigt und diesen Aspekt hatte ich nicht bedacht. Und wir wären uns ob der frühen Gewißheit nicht mehr so um das Kostbarste, was wir besitzen, bewußt geworden.

Ja, es ist besser, wir wissen nicht, was noch kommt. Für mich mache ich da allerdings eine Ausnahme: Ich wüßte gerne eine Weile vor meinem Tod, wann es soweit ist. Damit ich Abschied von meinen Lieben nehmen und alles so geordnet wie nur möglich hinterlassen kann. Wie Du siehst, denke ich auch in solchen Situationen praktisch ;-))

Ich danke Dir, liebe Edith, für diesen Beitrag. Ich denke oft an Elke und Gabi (zu der ich ja mehr Kontakt hatte und die mir Besuche verwehrte in ihren letzten Tagen, die sie im Hospiz verbrachte). Und ich dachte lange darüber nach, was die beiden auf die Frage geantwortet hätten...

Herzliche Grüße,
Christa


vom 02.11.2010, 06.41
Antwort von Nickname:

Liebe Christa,

wenn auch in Deinen Augen dieses GedankenBild unsere damalige Stimmung gut vermittelt, freut mich das sehr :-)


Dass wir unser wiedergewonnenes Leben ganz besonders schätzen, ist meiner Meinung nach einer der positiven Aspekte dieser Erkrankung.

Ich glaube, dass alle Menschen, die an irgendeiner lebensbedrohenden Erkrankung leiden / litten - ihr Leben als besonders kostbar ansehen.


Was das Vorab-Wissen um den eigenen Tod angeht, denke ich genauso wie Du.

Bei all denen, die ich bis zum Tod begleitet habe, hat sich das Sterben frühzeitig angekündigt.

Und ich habe mir ganz fest vorgenommen, mit meinen Angehörigen Klartext zu reden wenn ich spüre, dass es soweit ist.

Ich weiß, dass das "unter-den-Tepich-kehren" niemandem hilft - dem Sterbenskranken nicht und auch nicht der Familie / den Freunden.

Das Drumherum-Reden, wo doch jeder Beteiligte spürt, dass das Ende naht, schafft auf beiden Seiten Unsicherheit - und eine große Angst.

Bei dem Sterbenden große Angst davor, was mit denen geschieht, die er zurück lässt.

Bei denen, die bleiben entsteht Angst davor, nicht über alles gesprochen, nicht alles geklärt und - vor allem - nicht alles gesagt zu haben, was man dem Sterbenden gerne gesagt hätte.

Diese "falsche" Rücksichtnahme, das Ausklammern des unvermeidlichen Todes - das habe ich einmal erlebt - und möchte das für mich auf keinen Fall so haben.


Auch da ist mir Elke mir gutem Beispiel vorangegangen - dafür bin ich ihr heute noch

sehr dankbar :-)



Du sprichst noch die "verwehrten" Besuche bei einer Sterbenden an.

Ich weiß, dass das schwer zu verkraften ist, wenn man gerne möchte - und nicht mehr "erwünscht" ist.


Kommen dürfen dann nur noch die engsten Familienmitglieder oder ganz, ganz enge Freunde.

Dem Abschied aus dem irdischen Leben geht in solchen Fällen ein Rückzug voraus, der Rückzug in sich selbst.

Das Leben zieht noch einmal vorüber, oft treten unter Gaben von Morphinen Ängste auf.

Vieles, was von außen herangetragen wird, wird als Belastung empfunden und ist unerwünscht - auch wenn wir das nicht verstehen können.

Der Tod beginnt also häufig mit einem Rückzug ins eigene Innere - und das bedingt, dass eben nur noch wenigen Menschen der Zugang gewährt wird.


Deine Frage, was Elke und Gabi bei der Frage "In die Zukunft blicken?" geantwortet hätten, können wir nicht beantworten.

Bei Elke könnte ich es mir denken - aber da meine Einschätzung nicht gesichert wäre, gehört sie in das Reich der Spekulationen.

Also bleibt diese Frage offen.


Und jetzt bekommt mein Posting noch einen Anhang!


Herzlichen Dank für Deine Empfindungen und Gedanken, liebe Christa :-)

    


5. von Pat

Vielen Dank für diesen sehr offenen und persönlichen Bericht.

Als ich Christas Antwort gelesen habe, ging mir auch so einiges durch den Kopf und habe die Krebserkrankung meiner Mutter Revue passieren lassen.
Ich glaube, die tiefen Ängste kann man nie ganz abstellen, auch wenn man weiß, wie es vermutlich ausgehen wird.
Sich den Ängsten und den unangenehmen Dingen im Leben zu stellen bedeutet doch auch, sich weiter zu entwickeln, zu reifen, zu lernen, neue Dinge an sich und der Umwelt kennen zu lernen. Ich finde, dass ist ein sehr wichtiger Prozess im Leben eines Menschen, der sicherlich nicht so stattfinden würde, wenn man vorher alles weiß. Und ich denke auch, dass man mehr in der Zukunft als in der Gegenwart leben würde und damit dann eigentlich das Leben an sich vorbeiziehen lassen würde.

Ich persönlich bin sehr froh, dass Ihr beiden (und besonders auch meine Mutter) diese Krankheit besiegt habt. Das macht Mut und gibt Kraft, nicht aufzugeben.

Einen ganz lieben Gruß
Patrizia




vom 31.10.2010, 17.22
Antwort von Nickname:

Du hast Recht, liebe Pat - an allem, was das Leben für uns bereit hält, können wir wachsen, uns entwickeln.

Auch ich sehe es so, dass nicht nur Positives, sondern auch Negatives zum Leben dazu gehört.

Ist es nicht auch so, dass wir das Gute oft erst richtig zu schätzen wissen, wenn wir auch mal ein tiefes Tal durchschritten haben?

Vieles im Leben nehmen wir als "selbstverständlich" hin.

Wie kostbar das Leben ist fällt so manchem erst auf, wenn er um sein Leben - oder um das eines geliebten Menschen - bangen musste.


Nach meiner Krebsdiagnose hätte ich niemals gedacht, dass diese Erkrankung etwas Positives beinhalten könnte.


Und doch war es so:


in vielen Dingen habe ich umgedacht, mir wurden neue Wege eröffnet, ich habe mich selbst von einer neuen Seite kennengelernt und erfahren, wie viel Kraft in mir steckt.

Es stimmt: wir wachsen an den Hindernissen, die wir überwinden / bewältigen müssen.

Auch sie bereichern unser Leben, vielleicht sogar mehr, als wir ahnen?!


Deiner Mutter wünsche ich, dass sie gesund bleibt!

Ich freu mich, dass Du dich für uns freust :-)

Danke, liebe Pat, dass Du uns Deine Gedanken mitgeteilt hast!


4. von Sherdil

Nein, ich wollte nicht in die Zukunft blicken oder gar die Zukunft kennen. Ich möchte im jetzt und im hier sein und leben ...

Und ich gebe dir recht, man wächst mit seinen "Aufgaben", manchmal ist es nicht sofort erkennbar, manchmal dauert es einige Zeit und doch wird es einem dann bewußt und sichtbar / fühlbar ...

ich wünsche dir eine gute Zeit Edith,
ich denke immer wieder an dich

mit lieben Grüßen und einen Sternenglitzerstaub
Sherdil

vom 30.10.2010, 22.07
Antwort von Nickname:

Hin und wieder zurück blicken, sich über Gewesenes noch einmal freuen oder ihm ein wenig nachtrauern ...

nach vorne - in die Zukunft - sehen, um etwas zu planen oder den Lebensweg grob abzustecken ...

das ist wohl ganz normal.


Über all dem aber die Gegenwart vergessen, sozusagen das Leben verpassen, weil man nicht im Hier und Jetzt lebt - das wäre zu schade, es wäre eine Verschwendung der kostbaren Lebenszeit und würde dem Begriff "Leben" nicht gerecht.


Liebe Sherdil, da sind wir wohl einer Meinung.

Ich danke Dir herzlich, dass Du deine Erfahrungen einbringst und wünsche Dir viel Glück auf Deinem weiteren Weg!


3. von Elke

Liebe Edith,
danke für diesen sehr persönlichen Bericht. Ich habe auch die Antworten zu den Kommentaren von Agnes und Elfi gelesen und dadurch erfahren, dass zwei eurer Mitstreiterinnen nicht überlebt haben. Das macht sehr nachdenklich. Und ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie ich reagieren würde, wenn ich mich für's Kämpfen oder für's Aufgeben entscheiden müsste. Als Mensch, der sowieso zu Depressionen neigt, liegt mir das Aufgeben vielleicht näher, aber im Fall des Falles - nein, ich kann es wirklich nicht sagen. In diesem Jahr bewundere ich gerade wieder ein Freundin - Blechi - für ihren Lebensmut und -willen und staune, was ein Mensch alles aushalten kann, wenn er offenbar einen Sinn dahinter sieht. Und nicht nur "Aushalten" nein, auch einen Optimismus und eine Energie versprüht, die mir persönlich höchsten Respekt abnötigt.
Lieben Gruß
Elke, die froh ist, dass du und Christa gekämpft und den Krebs besiegt haben.

vom 30.10.2010, 11.22
Antwort von Nickname:

Ich denke, selbst ganz feste Prinzipien kommen ins Wanken, sobald man in eine extreme Situation gerät.

Und eines weiß ich auch, liebe Elke: jeder normale Mensch hängt am Leben - und wie!

Damals habe ich gesagt: nie wieder mache ich eine Chemo-Therapie.

Heute bin ich mir da gar nicht mehr so sicher.


Jahrelang war ich regelmäßig in der Selbsthilfegruppe.

Zuerst weil sie mir geholfen hat. Später dann, weil ich dadurch anderen helfen konnte.


Dubiose "Therapie"-Angebote, von denen man als Gesunder sagt:

"Das ist doch alles Quatsch und reine Geldschneiderei"

wurden als 'letzter Strohhalm' auch versucht, oft für ganz viel Geld!


Nein, man weiß wohl nicht, wie man reagiert - und deshalb sollte man sich auch nicht mit wenn-dann-Überlegungen herum quälen.


Das, was das Schicksal für uns bereit hält, müssen wir eh annehmen - ob es uns gefällt oder nicht.


Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt und bin für mich persönlich der Meinung:

aus allem, was mir widerfährt, kann ich auch etwas Positives ziehen - selbst wenn das zunächst unglaublich erscheint.


Deiner Freundin Blechi wünsche ich ganz viel Kraft und Zuversicht.

Und Dir sage ich herzlichen Dank!

  


2. von Agnes

Ich lese nicht immer (eigentlich nur selten) die Kommentare der anderen in Blogs. Das ist kein Desinteresse sondern einfach eine Zeitfrage.
Aber bei dem einen Kommentar bis jetzt, da konnte ich den noch lesen, und es hat mich auch interessiert, was Elfi geschrieben hat.
Und dieser Satz „Vielleicht hättest du weniger gekämpft, wenn du den Ausgang vorher gekannt hättest. Du hast gekämpft“ ist genau das, was ich Dir, zwar mit anderen Worten, als Antwort schreiben wollte.
Es wäre vielleicht eine einfachere Zeit gewesen, wenn Du (Ihr) nicht täglich die Sorgen ums Überleben im Kopf gehabt hättet, aber die Sorge hat Euch gewissermaßen stark gemacht. Ihr habt gekämpft und Ihr habt gewonnen.
Ich finde das so erfreulich, dass Ihr alle vier den Kampf gewonnen habt, ich denke wenn eine Frau nicht überlebt hätte, das wäre für Euch eine schwere Belastung geworden.
Bleibe weiter so positiv liebe Edith, das ist eh das wichtigste im Leben.
Fühl Dich mal umarmt
Agnes


vom 30.10.2010, 01.36
Antwort von Nickname:

Durchgehalten haben wir alle - das habe ich geschrieben.


Wir alle haben die Therapien überstanden und auch noch einige Zeit danach dachten alle, ihr Leben wiedergewonnen zu haben.


Leider war es anders.


In meinem 1. Büchlein Ich wünsche mir mein Leben! steht eine Widmung für Elke - und auch ein Gedicht darin bezieht sich auf sie und unsere Freundschaft. 


Sie wohnte in meiner direkten Nähe, wir sind uns über 4 Jahre sehr nahe gekommen - auf eine ganz spezielle Art, verbunden durch unsere Erkrankung und alles, was dazu gehört.

Elke ist 4  3/4  Jahre nach der Krebsdiagnose gestorben. 


Ich habe Elke während des langen Abschieds- und Sterbeprozesses begleiten dürfen.

Das war für mich eine sehr bedrückende, aber auch eine bereichernde Erfahrung.


Das zu beschreiben geht hier allerdings nicht.


Die Vierte im Bunde war Gabi. Auch sie hat es nicht geschafft. Zu ihr hatte ich allerdings nach Beendigung der Therapien nur noch 2 x Kontakt.


Dass wir alle die Therapiezeiten überlebt haben - das hat uns auf jeden Fall geholfen.

Wäre innerhalb dieses 3/4 Jahres eine von uns gestorben, hätte den anderen das ganz sicher zunächst den Boden unter den Füßen weggezogen.


Liebe Agnes - ganz herzlichen Dank für Deine Gedanken zu diesem umfangreichen und wohl auch schwierigen Thema - und ganz liebe Grüße!



1. von elfi s.

Hallo Edith,
da hast du ein Thema angesprochen über das sicher jeder von uns schon einmal nachgedacht hat. Um es vorweg zu nehmen, ich möchte nicht in die Zukunft schauen. Ich glaube, man würde dann nur dafür leben, um alles für die Zukunft richtig zu machen und man vergisst dabei im Jetzt in der Gegenwart zu leben.
Man kann sicher einges in seinem leben nach seinen Vorstellungen beeinflussen, aber man kenn sein Schicksal nicht ändern und genau das würde man doch versuchen, wenn man wüsste, was uns in einigen Jahren bevorsteht.
Wüsste ich, dass ich in einigen Jahren eine schlimme Krankeit bekomme, könnte ich doch schon jetzt mein Leben nicht mehr genießen. Nein, ich möchte nicht wissen, was mir die Zukunft bringt. Ich lebe jetzt und kann es auch nur jetzt wirklich geniessen, so wie es ist. Natürlich kann ich mich auch nicht mit denen vergleichen, die schon Schicksalsschläge erlitten haben. aber lebt man danach nicht bewusster und ist glücklich, dass alles gemeistert zu haben?
Mein Vater ist an Leukämie gestorben. Er hat bis dahin glücklich gelebt. Ich bin sicher ,er hätte es nicht gekonnt, wenn er davon schon vorher gewusst hätte. Vielleicht hätte er es geschafft, wenn seine Krankheit früher erkannt worden wäre, eben weil man in die Zukunft schauen kann.
Man kann zu diesem Thema sicher ganze Romane schreiben. Es gibt dabei zu viele "hätte, wenn, vielleicht"
Dir hat das Schicksal eine harte Aufagbe gestellt, die du mit Qualen und viel Geduld gemeistert hast. Vielleicht hättest du weniger gekämpft, wenn du den Ausgang vorher gekannt hättest. Du hast gekämpft und darauf sei stolz und genieße das Leben so wie es ist ,in der Gegenwart.
Ich möchte es nicht anders.

vom 29.10.2010, 22.44
Antwort von Nickname:

Liebe Elfi,

Du beschreibst das so, wie ich es auch empfinde:

in mancherlei Hinsicht würde uns das "Wissen" lähmen, uns von der Gegenwart ablenken und uns auf die Zukunft starren lassen - so wie das Kaninchen auf die Schlange!

Du schreibst, Dein Vater habe bis zu seiner Erkrankung glücklich gelebt und hätte es mit dem Vorab-Wissen vielleicht nicht gekonnt.

Ich denke, dass Du Recht hast. Denn dieses Wissen sitzt wahrscheinlich immer irgendwo im Hinterkopf, lässt sich vielleicht verdrängen, aber nicht gänzlich auslöschen.  


Und ja - ich lebe viel bewusster, nehme Kleinigkeiten dankbar wahr, die ich sonst wohl nicht beachten würde und ich sehe viele Dinge entspannter, weil sie für mich nicht mehr wichtig sind.


Danke sehr, liebe Elfi, für Deinen Beitrag zu diesem Thema - über das man wirklich Romane schreiben und stundenlang diskutieren könnte!